Endlich Ferien – und plötzlich ist alles anders. Kein Schulbus um sieben, keine Hausaufgaben am Nachmittag, kein fester Rhythmus. Die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause, die gewohnte Tagesstruktur löst sich auf, und mit ihr oft auch die Medienregeln. Spätestens am dritten Ferientag stellt sich die Frage, die viele Eltern kennen: Gelten unsere normalen Bildschirmzeit-Regeln eigentlich noch – oder dürfen wir jetzt lockerer sein?
Die kurze Antwort: Ja, Sie dürfen. Die etwas längere: Es kommt darauf an, wie Sie es machen. Denn Ferien sind eine Chance – nicht nur für Erholung, sondern auch dafür, Kindern mehr Eigenverantwortung im Umgang mit Medien zuzutrauen. Vorausgesetzt, die grundlegenden Prinzipien bleiben bestehen.
Warum die Ferienzeit besondere Regeln braucht
Der Schulalltag gibt Kindern einen klaren Rahmen: Aufstehen, Schule, Hausaufgaben, Freizeit, Schlafenszeit. Medienzeit füllt dabei die Lücken zwischen den festen Programmpunkten. In den Ferien fallen diese Strukturen weg – und damit auch die natürlichen Grenzen für die Mediennutzung.
Die KIM-Studie 2024 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zeigt, dass 70 Prozent der 6- bis 13-Jährigen regelmäßig Videos, Filme oder Serien im Internet schauen und ebenso viele ein Smartphone nutzen1. In der unstrukturierten Ferienzeit steigt dieser Konsum erfahrungsgemäß deutlich an – einfach weil mehr Zeit da ist und weniger Alternativen auf dem Plan stehen.
Das ist zunächst einmal kein Grund zur Panik. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betont ausdrücklich, dass ihre Empfehlungen zur Bildschirmzeit als Orientierung gedacht sind und Ausnahmen dazugehören. Regentage, Krankheit und eben auch Ferien rechtfertigen eine großzügigere Handhabung2. Entscheidend ist, dass Ausnahmen als solche erkennbar bleiben und nicht zur neuen Normalität werden.
Struktur schaffen – auch ohne Stundenplan
Auch wenn die Ferien eine Auszeit vom Alltag sein sollen, brauchen Kinder eine gewisse Tagesstruktur. Das bedeutet nicht, jeden Ferientag durchzuplanen, sondern Orientierungspunkte zu setzen, die den Tag gliedern.
Ein bewährter Ansatz für die Ferienzeit:
- Morgens aktiv starten: Vereinbaren Sie, dass der Tag nicht mit dem Bildschirm beginnt. Frühstück, Anziehen, vielleicht eine halbe Stunde draußen – erst dann ist Medienzeit möglich
- Medienfreie Kernzeiten beibehalten: Mahlzeiten, die Stunde vor dem Schlafengehen und gemeinsame Familienaktivitäten bleiben bildschirmfrei – auch in den Ferien
- Flexible Zeitfenster statt starrer Minutenzahlen: Statt "60 Minuten pro Tag" kann in den Ferien ein Wochenbudget funktionieren, das Kinder sich frei einteilen dürfen
- Abendrituale nicht aufgeben: "SCHAU HIN!" empfiehlt, Smartphones und Tablets ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen wegzulegen – das gilt in der Ferienzeit ganz besonders, da der ohnehin gelockerte Rhythmus den Schlaf beeinflussen kann3
Der Vorteil eines Wochenbudgets: Kinder lernen, sich ihre Zeit bewusst einzuteilen. Wer am Montag drei Stunden am Tablet verbringt, hat am Dienstag entsprechend weniger – eine wertvolle Lektion in Selbstregulation, die weit über die Mediennutzung hinausgeht.
Qualität vor Quantität – gerade in den Ferien
Wenn Kinder mehr Zeit am Bildschirm verbringen, wird die Frage nach der Qualität der Mediennutzung umso wichtiger. Nicht jede Bildschirmminute ist gleich. Die BZgA unterscheidet klar zwischen aktivem und passivem Medienkonsum – und dieser Unterschied wiegt in den Ferien besonders schwer2.
Aktive Mediennutzung in den Ferien kann bereichernd sein:
- Kreative Projekte: Ein Stop-Motion-Film drehen, einen eigenen Podcast aufnehmen, digitale Kunst erstellen
- Lernspiele und Wissensinhalte: Dokumentationen schauen, Coding-Apps ausprobieren, ein Sachthema recherchieren
- Soziale Interaktion: Videoanrufe mit Großeltern oder Freunden, die verreist sind
- Gemeinsame Medienerlebnisse: Als Familie einen Film schauen und danach darüber sprechen
Passiver Konsum – endloses Scrollen durch Social-Media-Feeds oder das automatische Abspielen von YouTube-Videos – liefert dagegen wenig Mehrwert und hinterlässt Kinder oft unzufriedener als vorher. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, was es am Bildschirm machen möchte, nicht nur wie lange.
Das Feriengespräch: Regeln gemeinsam anpassen
Eine der wirksamsten Strategien für entspannte Ferien ist denkbar einfach: Setzen Sie sich vor den Ferien mit Ihrem Kind zusammen und besprechen Sie, welche Regeln gelten sollen. Mediencoach Iren Schulz von "SCHAU HIN!" betont, dass klare Vereinbarungen für Entspannung in der Familie sorgen – gerade weil sie tägliche Diskussionen überflüssig machen3.
Ein solches Feriengespräch kann folgende Punkte umfassen:
- Was bleibt gleich? Medienfreie Zonen und Zeiten, die auch in den Ferien gelten (Mahlzeiten, Schlafenszeit)
- Was ändert sich? Mehr Gesamtzeit, flexiblere Einteilung, vielleicht ein Wochenbudget statt Tagesbudget
- Was ist neu möglich? Projekte, die im Schulalltag keinen Platz hatten – ein längerer Film, ein Spieleprojekt, ein Online-Kurs
- Was erwarten wir voneinander? Auch Eltern dürfen ihre Erwartungen formulieren: Bewegung, Hilfe im Haushalt, gemeinsame Aktivitäten
Kinder, die bei der Regelgestaltung mitreden dürfen, halten sich nachweislich besser daran. Sie verstehen das Warum hinter den Grenzen und empfinden sie nicht als willkürliche Einschränkung.
Tools wie FamFlow können dabei helfen, solche Vereinbarungen sichtbar zu machen. Wenn Kinder ihr eigenes Medienzeit-Budget auf einem Dashboard sehen, fällt es ihnen leichter, sich die verfügbare Zeit bewusst einzuteilen – ein Prinzip, das in den Ferien besonders gut funktioniert.
Langeweile aushalten – die unterschätzte Fähigkeit
Ein Satz, den Eltern in den Ferien besonders häufig hören: "Mir ist langweilig!" Und die Versuchung ist groß, das Tablet als schnelle Lösung anzubieten. Doch Langeweile ist kein Problem – sie ist eine Kompetenz, die Kinder entwickeln dürfen.
Psychologen und Pädagogen sind sich einig: Langeweile ist der Nährboden für Kreativität4. Kinder, die lernen, Leerlauf auszuhalten, entwickeln eigene Ideen, erfinden Spiele und entdecken Interessen, die sonst unter dem ständigen Medienkonsum verborgen geblieben wären. Die Ferien sind der ideale Zeitraum, um diese Erfahrung zuzulassen.
Das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Kind den ganzen Tag sich selbst überlassen sollen. Aber es bedeutet, dass nicht jede freie Minute mit einem Programm – digital oder analog – gefüllt werden muss. Ein Regal mit Bastelmaterial, eine Kiste mit Brettspielen oder einfach ein Nachmittag im Garten ohne Plan können Wunder wirken.
"SCHAU HIN!" empfiehlt, in den Ferien bewusst Alternativangebote zu schaffen: Geocaching, Brettspielabende, Ausflüge in die Natur oder kreative Projekte geben Kindern die Möglichkeit, Interessen jenseits des Bildschirms zu entdecken3.
Was tun, wenn es aus dem Ruder läuft?
Manchmal passiert es trotz bester Absichten: Die Medienzeit in den Ferien gerät außer Kontrolle. Das Kind sitzt von morgens bis abends am Bildschirm, reagiert gereizt, wenn es aufhören soll, und scheint jedes Interesse an anderen Aktivitäten verloren zu haben.
Bevor Sie in den Kontrollmodus wechseln, hilft ein Schritt zurück:
- Beobachten statt sofort eingreifen: Ist das ein vorübergehender Ferieneffekt oder ein Muster, das sich verfestigt?
- Gespräch suchen: Fragen Sie Ihr Kind, wie es sich fühlt. Oft steckt hinter exzessiver Mediennutzung Einsamkeit, Langeweile oder der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit
- Gemeinsam gegensteuern: Planen Sie zusammen Aktivitäten, die attraktiver sind als der Bildschirm – ein Schwimmbadbesuch, ein Ausflug, ein gemeinsames Kochprojekt
- Regeln nachschärfen: Wenn die vereinbarten Ferienregeln nicht funktionieren, passen Sie sie an – aber gemeinsam mit dem Kind, nicht über seinen Kopf hinweg
Mit FamFlow können Familien die tatsächliche Mediennutzung transparent nachverfolgen. So entstehen keine Diskussionen über gefühlte Zeiten, sondern Gespräche auf Basis von Fakten – ein enormer Vorteil, wenn es darum geht, gemeinsam Lösungen zu finden.
Fazit: Ferien als Übungsfeld für Medienkompetenz
Ferien sind kein rechtsfreier Raum – aber auch kein Grund für verschärfte Kontrolle. Sie sind eine Gelegenheit, Kindern schrittweise mehr Verantwortung im Umgang mit digitalen Medien zu übertragen.
Die Grundprinzipien guter Medienerziehung gelten das ganze Jahr: Begleiten statt verbieten, Qualität vor Quantität, gemeinsam statt von oben herab. In den Ferien dürfen die konkreten Regeln flexibler sein – solange diese Prinzipien bestehen bleiben.
Nutzen Sie die Ferienzeit als Chance: Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Medien, probieren Sie neue Vereinbarungen aus, und vertrauen Sie darauf, dass Ihr Kind lernen kann, seine Medienzeit eigenverantwortlich zu gestalten. Denn genau das ist es, was Medienkompetenz im Kern bedeutet – nicht die perfekte Minutenzahl zu finden, sondern den bewussten Umgang mit Medien zu leben.
Footnotes
-
mpfs – KIM-Studie 2024: Kindheit, Internet, Medien: mpfs.de/studien/kim-studie ↩
-
BZgA – Mediennutzung von Kindern: Empfehlungen und Höchstdauer: kindergesundheit-info.de/themen/medien/alltagstipps/mediennutzung/hoechstdauer ↩ ↩2
-
SCHAU HIN! – Medienzeiten: Feste Bildschirmzeiten für Kinder vereinbaren: schau-hin.info/grundlagen/medienzeiten-feste-bildschirmzeiten-fuer-kinder-vereinbaren ↩ ↩2 ↩3
-
BTU Cottbus-Senftenberg – Forschungsprojekt Langeweile und Kreativität im Schulkontext: b-tu.de/fg-paedagogische-psychologie/forschung/langeweile-und-kreativitaet-im-schulkontext ↩